Wie mein Papagei mir beibrachte, mit den Augen zu hören
Gestern dachte ich noch, alles wäre in Ordnung. Die Sonne schien, ich hatte frisches Obst kleingeschnitten und pfiff eine fröhliche Melodie, als ich ins Zimmer kam.
Doch da war er. Auf seinem Lieblingsplatz. Ruhig.
Die Federn leicht aufgeplustert. Die Augen auf mich gerichtet.
Und ich wusste und spürte sofort:
Autsch. Da ist ein Sturm in der Luft. Und der hat Schnabelkraft.
Mein Papagei Siqourney, der normalerweise immer begeistert „Hallo!“ ruft, wenn ich reinkomme, sagt gar nichts. Kein Mucks. Kein Wackeln. Nur … der Blick, sozusagen.
Und glauben Sie mir … wenn man lange genug mit einem Papagei zusammenlebt, weiß man: Dieser Blick sagt alles.
Also ging ich in Sicherheitsabstand und schaute ihn mir noch einmal genau an. Die Halsfedern standen wie ein Mini-Irokesenschnitt, der Schwanz war leicht gespreizt und er hatte diese typische „Mach das heute nicht“-Einstellung.
Sie hatte keine Lust auf Gesellschaft. Sie setzt eindeutig Grenzen. Und sie ist rot.
Ehrlich gesagt: Das habe ich früher oft vermisst.
Dann wollte ich unbedingt, dass sie zu mir kommt und sich auf meine Hand setzt. Oder ich dachte: „Ach, du bist echt hart.“
Und ja, das hat sie. Schnapp.
Nicht blutig. Eher ein klares:
„Wie oft muss ich denn noch sagen, dass ich in Ruhe gelassen werden will?“
Jetzt weiß ich es besser.
Ein Papagei wird nicht einfach nur wütend.
Das ist nicht sein Standardverhalten.
Er kommuniziert. Nur nicht mit Worten. Sondern mit seinem ganzen Körper.
Er verrät einem alles Mögliche, zumindest wenn man genau hinsieht.
Ein starrer Blick kann so laut sein wie ein Schrei.
Das leise Knarren des Schnabels? Heute kein zufriedenes Knarren, nein, ein deutliches Zeichen von Gereiztheit.
Pupillen, die rein- und rauszoomen wie eine Kamera mit ADHS?
Das ist kein Trick.
Das heißt: Ich bin angespannt. Eine Weile nicht.
(Das passiert übrigens bei verschiedenen Emotionen, also betrachte immer das Gesamtbild.)
Also, was machst du...
Ich gehe ruhig weg und lasse sie in Ruhe... Lass sie köcheln, ich bin geduldig.
Ich stelle ihr ein Stück Papaya auf einen Unterteller und sage nur leise:
Du hast Recht, Mädchen. Heute kein Kuscheln.
Eine Stunde später kommt sie von selbst zu mir. Ruhig. Mit klarem Blick. Ihr Schnabel klopft sanft auf meine Hand.
Keine Worte nötig.
Alles war wieder gut.
Die Moral von der Geschichte?
Dein Papagei ist wirklich kein kleines Monster. Sie hat nur etwas bemerkt, das uns einfach nicht auffällt.
Diese Dame ist ein sensibles, kluges, wunderschönes Tier, das perfekt weiß, Grenzen zu setzen.
Wir müssen nur lernen zuzuhören.
Nicht mit den Ohren, sondern mit den Augen.
Und manchmal gelingt das, indem man einen Schritt zurücktritt. Und ach ja ...
Wenn sie dich das nächste Mal von ihrem geliebten Platz aus aufmerksam ansieht,
mach dir eine Tasse Tee.
Für dich selbst.
Denn sie hat gerade keine Lust auf dich.
Alles Liebe, Malenthe